ganze fragmente, halbe geschichten
Samstag, 27. August 2011
Das Wort 'Schoßgebete'
sei eine Kombination aus 'Stoßgebet' und dem weiblichen Schoss, schreibt die englische Besprechung der deutschen Ausgabe des gleichnamigen Buches im Guardian. Die sehr schöne, ebenfalls englische Besprechung von Feuchtgebiete bei n+1 hatte die Möglichkeit des Wortspiels nicht angesprochen. Dafür das Angelsächsische Schimpfvokabular, das die beiden Ablegersprachen noch verbindet während die Bezeichnungen für Körperliches im Englischen unter lateinisch-medizinischen Zierdeckchen verschwunden seien.

Nun, lateinisch-medizinisch können Deutsche auch, sie wollen bloß in der Regel nicht. Noch wollen sie gar so gerade aus über Sekretionen sprechen wie Charlotte Roche. Aber das war Feuchtgeb(i)ete, eine andere Geschichte und sie ist ein anderes Mal erzählt worden.

Kein Problem, sagt Roche, über Sex sprechen sie auch nicht. Selbst über gesegnet-sanktionierten, ehrlichen ehelichen Sex nicht.

Going off on a tangent landet man bei Zahlen. So viele Exemplare gingen vom ersten Buch weg, so viele hat der Verlag vom zweiten bereits gedruckt. Ein anderer Verlag, aber das hat dankenswerter Weise niemand analysiert. Nicht mal die Covergestaltung, die doch Schule gemacht hat. Stattdessen erwähnt mein zweitliebstes Käseblatt, diese angesehenste deutsche Wochenzeitung, dass die Charlottenburger Intellektuellenbuchhaltung irgend einen Namens keine Exemplare geordert habe. Woraus man inferieren darf, dass Berlin Charlottenburg im Allgemeinen und diese Buchhandlung im Speziellen der Lackmustest für Intellektuallismus ist, oder war es Intellekterei?

Zu Beginn des nicht bestellten Buches, das man aber 'schnell für Kunden bestellen' könnte, lang lebe der Bücherwagendienst, sorgt sich die Ich-Erzählerin Elisabeth, dass der Schwanz ihres Gatten bald vielleicht nicht mehr auf ihren Mund reagieren wird. Das muss lustig zu lesen sein für Leute, die sich mit Mitte 40 bis Mitte 60 für das Zielpublikum einer gut aussehenden Mittdreissigerin halten. Die bitte nicht an ihrer Penisperformanz zweifeln soll. Aber das am Rande.

Ich glaube, es heißt Intellektualität. Ich glaube auch, dass das Interview mit Roche im papiernen Magazin meines zweitliebsten Käseblattes alle wichtigen und interessanten Fragen, die man einer möglicherweise intelligenten Autorin hätte stellen können konsequent gemieden hat.

Ich selbst habe soweit übrigens erst 12 Seiten gelesen, die ich in ihrer pessimistischen Sachlichkeit sehr nett fand. Bis auf die Ausrutscher in den Ratgeberduktus, was Frau nicht tun solle, denn wie sei das denn wenn es misslingt. Für den Mann.

Witzig wiederum, dass es um Würgegeräusche beim versuchten deep throating ging.

Ich unterstelle prinzipiell allen, jedenfalls bis sie mich wiederholt eines Schlechteren belehrt haben, Intelligenz. Also auch Frau Roche, deren Bücher ich irgendwann mal lesen werde, aber nicht jetzt, da mich das verschämte /scheinheilige / „intellektuelle“ Drumherum noch nachirritiert.

Der Guardian hat Alice Schwarzers offenen Brief erwähnt. Die übrigens nichts dafür kann, dass sie mehr oder weniger allein auf der Barrikade zurückgelassen wurde, von Leuten, die sich für ihre Rechte zu fein waren. Es ist ein bisschen erbärmlich, dass Schwarzer erst beim Axel Springer Verlag ankommen musste bevor eine neue Generation begann den Arsch hoch zu kriegen. Sich um nichts kümmern bevor es in der Zeitung war, und dann nur, wenn die post-modern-neuzeitlich-kulturwissenschaftlichen Gründe gestimmt haben. Diese Signalgläubigkeit. Dieser Verlass auf Leithammel. Die gefälligst alles allein machen und dann gefällig abtreten sollen.

Wie gesagt, zunächst überschätze ich alle, also auch Frau Roche, also auch ihre Wirkung. Vielleicht schaffen wir es nochmal, das Körperliche aus dem Klammergriff der Verschämtheit zu lösen. Vielleicht kann man sogar den Geist aus dem Elend der gepflegt ergrauten Intellektualität heben. Nichts gegen Berlin Charlottenburg, man wohnt da gut. Es kann nur nicht das Maß aller Dinge sein.

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post slut walk: das oberteil
Das Oberteil ist weiß und aus sehr leichter Baumwolle, ich bin recht dunkel und trage keine BHs. Ich glaube fest an meine Muskulatur, meine Ligamente glauben an mich, alle sind glücklich. Bis ich dieses Oberteil anprobiere und meine Nippel sehe.

„Ich will nicht, dass Leute sich eingeladen fühlen mir impertinent auf den Brustkorb zu starren,“ sage ich. Warum Reaktionen provozieren die man nicht mag, denke ich. Ausweichen ist geschickter. Aber ich will auch das Oberteil haben.

Ich kaufe nicht sehr eifrig ein und wenn, dann von der haltbaren Sorte. Dieses Jahr hatte es sich allerdings ausgehalten, und wie das Wetter so wollte, ich bekam den Mangel in meiner Garderobe erst mit, als die Sommermode so gut wie weg war. Bis auf die Sachen, die sogar Frauen, die besser als ich mit Mode auskommen zu bunt waren. Oder zu groß, oder zu klein, oder eben dieses weiße Oberteil. Na gut, ich fand es wunderschön und wollte es UNBEDINGT!!! haben. Bis auf die Sache mit meinen Nippeln und die Blicke, die ich nicht brauche. Seien wir ehrlich, Blicke – und leise-lautes Getuschel, und Kommentare – sind schmerzhaft.

Dann fiel mir ein, dass die Welt wissen sollte, dass Frauen Brüste haben. Ja, sogar dass Frauen Nippel haben!

Mir fiel der Slutwalk ein, und dass das Problem im Auge des Betrachters liegt, nicht auf meinem Brustkorb. Und dass ich mich ja wohl jeden Tag anziehen kann wie ich möchte. Und dass ich wirklich keine BHs mag.

„In normalem Tageslicht ist das nicht halb so sichtbar wie unter den Neonröhren in der Umkleidekabine,“ sagt mein Begleiter.

In der Tat. Aber ich habe das Oberteil ja so gekauft, wie es unter eben dieser bösartigen Röhre, und in meinem durch feindselige Blicke und gezischte Kommentare gestörten Kopf aussah. Weil man Problemen davon(er)wachsen (werden) kann, und vielleicht auch, weil jeden Tag Slutwalk ist.

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Freitag, 1. Juli 2011
die rehe von athen
Die Rehe bei mir um die Ecke essen ja Leute, so diese Leute sich per Tod, Begräbnis und Grabpflege in Blumen verwandelt haben.
Die Grabpfleger zettern und die Rehpfleger zucken mit den Schultern: Neugierig, intelligent, Feinschmecker, seien sie, die Rehe. (Die schweigen.)

Die pakistanischen und albanischen Paarhufer von Athen kamen bei den Grabpflegern dort nie gut an. Sie schwiegen auch. Die Grabpfleger waren artgemäss laut und sind jetzt, da sie selbst Wild sind, lauter.

Über die Gattung der Tierchen die dort gerade die Strassen beleben wird noch diskutiert. Die Gattung der Diskutierenden ist eine andere Gechichte über die jetzt taktvoll geschwiegen werden soll.

Einiger Athener versuchen sich an der Schneewittchentaktik. Rigas Feraios aus dem Schlaf des Geldes wach küssen. Wurde natürlich als Angriff verstanden. Die Erde ist ein vereinnahmendes Wesen, wenn man erst mal tot ist. Was Grab- und Geldpflegern schon immer Recht war. Den Rehen auch, aber anders. Manche Gattungen sind intelligent, laut, neugierig, Menschenesser...

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